Gemeindereferentinnen Bundesverband

Kirche braucht Profis – aber keine Gemeindereferenten

von Valentin Dessoy

Skizze einer neuen Rollenarchitektur

Abstract
Die pastoralen Mitarbeiter sind der Schlüssel zu einer nachhaltigen Kirchenentwicklung. Eine Kirche im Werden braucht
Seelsorger, die – dem Paradigma der Ermöglichungspastoral folgend – Menschen begleiten, Kirche vor Ort auf ihre je
eigene Weise zu leben und zu verantworten. Eine Kirche an der »Schwelle zur nächsten Gesellschaft« (P. F. Drucker), die
auf Lernen und Entwicklung, auf Differenzierung und Vielfalt, auf Adressatenorientierung und Innovation, auf Selbstverantwortung
der Getauften in einer dezentral und netzwerkartig organisierten Sozialgestalt und eine bunte Vielfalt
lokalen kirchlicher Kulturen setzt, braucht darüber hinaus Spezialisten, die systemrelevante Prozesse professionell unterstützen
und begleiten können. Dies setzt eine neue, grundlegend veränderte Rollenarchitektur voraus, in der die
alten Berufsgruppen keine Rolle mehr spielen.
In der Praxis steuert Kirche ihr Handeln in erster Linie über Personen, Rollen und Beziehungen, weniger über
Strukturen, erst recht nicht über Ideen und Konzepte. Berufspolitisch ein Dauerbrenner, war die Rolle der Akteure
im Kontext von Kirchenreformen und Kirchenentwicklung über lange Jahre hinweg kein Thema. Erst in
den letzten drei bis vier Jahren hat sich das geändert. Deutliches Zeichen ist das Wort der Deutschen Bischöfe
›Gemeinsam Kirche sein‹ aus dem Jahr 2016. Der Diskurs dreht sich bisher stärker um eine Neubestimmung der
Rollen von ehrenamtlich tätigen Laien (»Getaufte«) und hauptberuflichen Seelsorgern insgesamt. Was Kirche
zukünftig an professioneller Unterstützung braucht und wie das die klassischen Berufsrollen verändert, wird bis
heute kaum diskutiert.

1. Zum Kontext der Überlegungen

Man kann nicht über die Rolle der hauptberuflichen Seelsorger nachdenken, ohne sich des fundamentalen Kulturwandels zu vergewissern, vor dem die Kirche an der »Schwelle zur nächsten Gesellschaft« (vgl. Baecker, …, Dessoy, …) steht.
a) Dimension und Tempo der Veränderungen
Um sich der Dimension und der Dynamik der Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf die Rahmenbedingungen kirchlichen Handelns bewusst zu werden, reichen wenige Schlaglichter (vgl. Dessoy 2014/ 2017). Wie schnell der Plausibilitäts- und Relevanzverlust kirchlichen Handelns voranschreitet, zeigt sich z.B. beim Gottesdienstbesuch, einem Kernbereich kirchlicher
Angebote. Die Zahl der Gottesdienstbesucher geht seit den 1950er Jahren kontinuierlich zurück. Die Zahl der Besucher hat sich laut kirchlicher Statistik (Herbstzählung) seit 2000 fast halbiert und wird 2040 mit höchster Wahrscheinlichkeit bei etwa 100.000 liegen
– bundesweit. Das entspricht einem Anteil von 0,6 Prozent der Katholiken. Interessant ist dabei der Vergleich mit der Prognose 2011. Die ursprünglich prognostizierten Zahlen (rote Linie) – drastisch genug – wurden real (blaue Kreise) in den letzten 5 Jahren
deutlich unterschritten. Legt man den Rückgang der letzten 5 Jahre zugrunde, geht die Zahl der Gottesdienstbesucher bereits 2035 gegen Null.

Die gleiche Beobachtung lässt sich bei der Erstkommunion zeigen. Der Rückgang ist seit der letzten Prognose deutlich stärker ausgefallen, als vorhergesagt. Auch hier geht die Zahl 2034/35 auf die Nulllinie zu. Die Auswirkungen auf den Bestand an Kirchengebäuden ist dramatisch. 2011 gab es 11.464 Pfarrkirchen (24.500 Kirchengebäude insgesamt). Bei einem urchschnittlichen

Messbesuch von 263 Besuchern pro Wochenende, wie er 2011 zu verzeichnen war, braucht man 2040 lediglich noch 413 Pfarrkirchen. Bei einer Nutzung von 500 Besuchern pro Wochenende gerade mal 200 – in ganz Deutschland! Mehr können darüber hinaus weder finanziert, noch »bespielt« werden.
b) Stellschrauben des Kulturwandels
Einzelmaßnahmen scheinen angesichts dieser Dynamik und der Erfahrung aus vorangegangenen Reformprozessen wenig zielführend zu sein. Ein Kulturwandel ist erforderlich, der bis ins Mark kirchlicher DNA reicht. Neue „Märkte“ erschließen Die zentrale Herausforderung für die Zukunft besteht darin, die Frohe Botschaft für die Menschen heute erfahrbar zu machen und so zur Sprache zu bringen, dass sie Plausibilität und Relevanz gewinnen kann, gerade auch bei denen, die sich von der Kirche abgewendet
haben oder gar nicht mehr christlich sozialisiert sind. Das ist nicht trivial und passiert nicht von alleine. Heute wendet die Kirche 90 Prozent der verfügbaren Ressourcen für 5-10 Prozent der Kirchenmitglieder auf, die das Ressourcenaufkommen generieren. Das Gros der heutigen Nutznießer kirchlicher Angebote wird in 10 Jahren verstorben sein.

Um den Anschluss nicht gänzlich zu verlieren und ihrem Sendungsauftrag nachzukommen, wird die Kirche ihre Binnenorientierung aufgeben und (im Kernbereich der Pastoral) ihre Aufmerksamkeit den 90-95 Prozent zuwenden müssen, die sie heute nicht bzw.
nicht mehr erreicht. Das schließt eine substantielle und gezielte Umverteilung der vorhandenen Ressourcen mit ein.

Von den Adressaten her denken
Kirche gewinnt Plausibilität und Relevanz, wenn sie konsequent die Fragen, den Nutzen und die Ästhetik der (neuen) Adressaten im Blick hat. Das setzt einen radikalen Perspektivwechsel voraus: Kirche in all ihren Vollzügen von den Adressaten her zu denken und
konsequent einzubeziehen. Das hat natürlich massive Konsequenzen für den Ressourceneinsatz. Kirche wird auf breiter Basis dauerhaft und substantiell in Produktentwicklung, Innovation und Gemeindegründung investieren müssen.

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